Das Social Web als Echtzeit-Medium

Notlandung im Hudson River (Foto: gregp!/flickr, CC-Lizenz)

Notlandung im Hudson River (Foto: gregp!/flickr, CC-Lizenz)

Sowohl bei Journalisten als auch bei PR-Leuten verursacht das neue “Real Time Web” noch große Unsicherheit. Bis vor kurzem sah die Welt noch so einfach aus: Eine Meldung ist eine Meldung, wenn die erste große Nachrichtenagentur sie meldet. Punkt. Besser abgesichert ist sie, wenn die zweite Agentur sie ebenfalls gemeldet hat. Eigene Recherchen der Redaktion runden das Bild im besten Falle noch ab. Erst dann erfährt das Publikum draußen etwas.

So war das einmal. Web 2.0 in Echtzeit sorgt für vollkommen neue Spielregeln. Zu beobachten war dies gestern: Als US-Airways-Flug 1549 gestern auf dem Hudson River in New York zur Notlandung angesetzt hatte entstand innerhalb kürzester Zeit eine gigantische Aktivitätswelle im Social Web. “There’s a plane in the Hudson. I’m on the ferry going to pick up the people. Crazy”, meldete sich ein Augenzeuge direkt vom Ort des Geschehens.

Twitter: Augenzeugenberichte von der Notlandung im Hudson River

An die neue, rasch wachsende Rolle des Social Web bei Katastrophen und anderen Großereignissen werden wir uns gewöhnen müssen. Allerdings auch daran, dass die Informationen, die wir in solchen Situationen aus Quellen jenseits der etablierten Massenmedien beziehen, für viele Mensche nur sehr schwer einschätzbar sind. Die Notlandung gestern war dafür ein Paradebeispiel. Vor Ort waren nur sehr, sehr wenige Augenzeugen wie Twitternutzer @jkrums oder Flickr-Benutzer “grego!”, der dankenswerterweise auch das Foto in diesem Beitrag unter CC-Lizenz bereitstellt. Getwittert hat dagegen alle Welt – Hunderte Botschaften pro Minute mit Kommentaren, Fragen, Einschätzungen, Spekulationen. Völlig unmöglich aus Nutzersicht, den Wahrheitsgehalt einzuschätzen oder nur ansatzweise mit dieser Geschwindigkeit Schritt zu halten.

Drei spontane Schlussfolgerungen aus meiner Sicht:

Klassische Medien und Social Web ergänzen sich in solchen Situationen. Keine Frage: Im Social Web wird viel zitiert, spekuliert, ungefiltert und ungeprüft weitergegeben. Die Berichterstattung von CNN zu verfolgen war für mich die erste Handlung, nachdem die Realtime-Welle im Web aufkam. Auf Twitter & Co. als einzige Nachrichtenquelle würde ich mich in kritischen Situationen nie verlassen, erst gemeinsam mit anderen Quellen wird die Glaubwürdigkeit einschätzbar.

Es gibt einen aus meiner Sicht abstoßenden Trend zur Sensationsgier im Web 2.0. Kaum geschieht irgendwo auf der Welt ein Unglück, stürzen sich große Teile des Social Web darauf. Menschen bleiben eben Menschen – es ist desillusionierend, dass auch ein Medium mit demokratischen Strukturen wie das Web 2.0 bei Katastrophen zum Voyeurismus neigt. Böse Zungen wussten ja schon immer: Die klassischen Medien liefern dem Publikum eben doch nur, was es möchte.

PR-Menschen kommen am Web 2.0 in Echtzeit nicht mehr vorbei. Ob Flugzeug-Notlandung oder kursrelevantes Gerücht über ein Produkt – mit Social Media und Microblogging haben wir in der Medienlandschaft plötzlich Multplikatoren, die in einer nie geahnten Geschwindigkeit operieren. Twitter-Memes à la #twitternwiebeimuttern liefern bereits seit einiger Zeit den theoretisch-spielerischen Beweis. Jetzt sehen wir immer häufiger, wie das Social Web in Echtzeit mit etablierten Medien konkurriert, sie sogar überholt. Sicherlich werden in absehbarer Zeit Kurssprünge bei Unternehmen oder andere Ereignisse in der “realen Welt” (Insider sagen: Offline-Welt) durch Twitter & Co. ausgelöst. Massenpanik durch Web 2.0 wegen einer Ente über einen Atom-GAU? Heute noch nicht denkbar. Aber in zwei Jahren? Ich würde nicht dagegen wetten und weise auf die Sicherheitsprobleme rund um Twitter hin, erst neulich wurde unter anderem der Account von Barack Obama gehackt und zu Spam-Zwecken missbraucht. Gerüchte erhalten durch das Social Web eine noch nie dagewesene Kraft. Bedeutet für PR: Sorgsames Monitoring in Echtzeit löst den althergebrachten Clipping-Service eher heute als morgen ab, Konzepte für den Krisenfall müssen noch häufiger als bisher bereits vorbeugend erarbeitet und ständig aktualisiert werden. Was mich freut – der Job wird noch spannender.

http://www.twitter.com/jodeleit


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Über den Verfasser

Bernhard Jodeleit
Consultant bei Sympra von 2008 bis 2010. Jetzt bei bei der Agentur fischerAppelt, wo er für Social Media zuständig ist



7 Kommentare


  1. Der Siegeszug von Twitter hat somit begonnen!


  2. Die Frage ist ja, warum nicht die klassischen Medien die Angebote des Social Media nutzt, um die eigene Qualität zu erhöhen. Das wäre ja auch mal ein Dreh…

    ot: Finde ich hier keinen RSS-Button, oder muss ich noch mal meine Brille putzen?


  3. @cdv, Zustimmung. Meines Erachtens sind wir hier mitten in der Übergangsphase, es gibt bereits einige sehr positive Beispiele. Auch gestern bei der Hudson-River-Geschichte griff ja schon einiges ganz gut ineinander zwischen traditionellen Medien und Social Media. In Deutschland waren wir hier lange Zeit weit hinterher, aber es bessert sich. Mehr Interaktion zwischen Journalismus und Social Media, weniger Grabenkämpfe.

    RSS: Nein, Brille ist sauber. Wird umgehend nachgebessert (ist ja noch alles ganz, ganz neu hier). Einstweilen: http://blog.sympra.de/?feed=rss2

    @Ute Allerdings, quantitativ (Twitter +700% im vergangenen Jahr) und auch qualitativ.


  4. Danke, schon im Reader…

    Vielleicht dann auch noch “Benachrichtigung bei neuen Kommentaren…”? Will ja nicht unmäßig sein.


  5. @cdv: Disqus mit Facebook Connect ist für den Anfang doch mal eine ganz gute Lösung, oder? ;)


  6. Hallo Herr Jodeleit,

    Monitoring statt klassischem Clipping. Wie geht das mit gleichem Arbeitsaufwand und vorallem mit welchen Tools?

    Jana


  7. @Jana: Da stellen Sie eine sehr interessante Frage. Beim Social Media Monitoring existieren Lösungen für jeden Anspruch. Ich kann mit Such-Feeds via RSS und Feedreader als Basiswerkzeug ein Echtzeit-Monitoring zu verschiedenen Begriffen aufsetzen. Mit ein wenig Kreativität kann man hier ohne große Investitionen und ohne großen laufenden Zeitbedarf doch Einiges erreichen. Just heute lese ich in einem Fachbeitrag, wie sich Google Analytics zum Tracking von Traffic einsetzen lässt, der via Twitter hereinkommt (siehe meine öffentliche Google-Reader-Seite: http://bit.ly/intK). Übrigens, wenn Sie dem eben genannten Link folgen, so kann ich ihren Klick exakt auswerten – der URL-Shortener bit.ly erlaubt dieses Echtzeit-Tracking kostenlos.

    Zudem existieren zahlreiche professionelle Dienste, die sich für mehr oder weniger Geld hinzukaufen lassen und neben dem quantitativen Monitoring zusätzliche Metadaten anbieten, mitunter versuchen, die gefundenen Quellen nach geographischen und sogar demographischen Kriterien zu unterscheiden sowie zu erfassen, ob die gefundenen Treffer positiv, neutral oder negativ für das jeweilige Markenimage zu werten sind. Die Auswahl ist so groß, dass sich für jedes Projekt/jeden Etat die passende Variante finden lässt. Wenn Sie dazu mehr erfahren möchten – gerne!

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  1. 16 01 2009 : » Blog Archive » Gesundheitskommunikation!
  2. 16 01 2009 : Bernhard Jodeleit Blog | Web 2.0: Highway to Hell?
  3. 02 04 2012 : Web 2.0: Highway to Hell? | Lots of Ways GmbH | Blog | Social Media für PR und Marketing

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