Wochenende – und Ende der Publikationshoheit

Die Grenzen fallen... (Foto: Marc Walter | photocase.de)Gleich mehrfach hat sich in der zu Ende gehenden Woche wieder gezeigt, wie schnell sich die Spielregeln in der Online-Kommunikation ändern. Wenn Sie, lieber Leser, nicht ganz tief in der Web-2.0-Materie stecken, so werden Ihnen die Indizien für besagte Dynamik, die ich gleich aufzähle, eher exotisch, technikverliebt, vielleicht sogar nicht wirklich relevant vorkommen:

• Twitter-Listen: Das ganz große Thema im Social Web war in der zurückliegenden Woche die breite Einführung frei zusammenstellbarer Listen von Nutzern bei Twitter. Twitterer können andere Teilnehmer auf diese Weise kategorisieren. Andere Menschen haben so die Chance, sich rascher einen Überblick zu verschaffen, wer die tonangebenden Nutzer zu speziellen Themengebieten sind. Neben der Zahl der Follower gelten Twitter-Listen bereits heute als wichtiger neuer Maßstab zur Bewertung der Reputation und Reichweite eines Twitter-Accounts. Sie werden prominent im Twitter-Profil dargestellt – natürlich wieder primär quantitativ, wie wir es von Twitter kennen. In welchen Listen er auftaucht, kann der Inhaber eines Accounts nur begrenzt beeinflussen – Crowdsourcing findet statt, plötzlich werden Sie als Twitterer von der Netzgemeinde bewertet und in Schubladen gesteckt. Wohl dem, der eine gute Reputation aufgebaut hat. Schade für die, die es in keine Listen schaffen – oder in negativ behaftete.

• Google Sidewiki für alle Browser: Google Sidwewiki bietet Internetnutzern die Möglichkeit, beliebige Internetseiten oder bestimmte Passagen auf diesen Internetseiten zu kommentieren oder zu ergänzen. War bisher nach dem Start im September ein spezielles Plugin zur Nutzung erforderlich, so können jetzt Nutzer aller Browser mit einem simplen Bookmarklet auf Sidewiki zugreifen. Welche Inhalte in Google Sidewiki prominenter und welche weiter unten in der Ergebnisliste dargestellt werden – Google berechnet es in altbewährter Manier anhand eigener Algorithmen. Die Reputation des Absenders eines Kommentars spielt eine wichtigere Rolle als die Aktualität. Einmal veröffentlichte Sidewiki-Einträge zu Webseiten als Betroffener entfernt zu kriegen – möglich, wenn Sie Google von der Unredlichkeit des Kommentars überzeugen. Mit anderen Worten: schier unmöglich. Und nicht unproblematisch.

• Google Social Search: Im Betatest hat Google jetzt auch eine Funktion, die dem Recherchierenden in den Ergebnissen explizit Content anzeigt, den Personen aus seinem eigenen sozialen Umfeld veröffentlicht haben. Dabei bedient sich Google der in Zukunft immer wichtiger werdenden Google Profiles sowie der sozialen Netze bei Twitter und Friendfeed, die zu diesem Zweck ausgewertet werden.

• Die immer rascher voranschreitende Ausbreitung mobiler Tagging-Anwendungen: Verspielte Applikationen wie Gowalla oder Foursquare sind im Moment der neueste Hit der Digitalen Bohème. Das Ganze funktioniert so: Wer mit seinem Android-Handy, iPhone oder anderem schicken Smartphone an einem für ihn relevanten Ort ankommt, der hat – gehört er zu eben jener Digitalen Bohème – nicht besseres zu tun, als dort einen „Spot“ zu begründen und den Ort spielerisch zu „taggen“, also mit Kommentaren oder anderen digitalen Spuren zu versehen.

All diese Themen mögen auf weniger technikaffine Zeitgenossen ein wenig freaky, oder nerdig, wie man heute sagt,  wirken. All diese Themen stehen aus meiner Sicht jedoch gemeinsam für einen ungemein rapiden Wandel: Wir haben nicht mehr die Publikationshoheit, was unsere Marke betrifft. Ob Unternehmen oder Privatperson. Ob Internetseite oder realer Ort da draußen. Alles kann von jedem getaggt, mit Kommentaren versehen in einen anderen als den vom Eigentümer geplanten Kontext gebracht werden.

Die Spielregeln bestimmen dabei Startups in Silicon Valley. Oder ausgewachsene Startups wie Google. Kontrollverlust pur. Wer nur reagiert, kommt zu spät. Einzig sinnvolles Vorgehen: Rechtzeitig eine Strategie entwickeln, die alle neuen, dezentralen, nicht beherrschbaren Kommunikationswege mit einbezieht und auf den langfristigen Aufbau positiver digitaler Reputation setzt.

Wenn Sie jetzt immer noch keine Angst haben und ein wenig spielen möchten: Das Video unten erklärt Google Sidewiki; und hier können Sie das entsprechende Bookmarklet für Ihren Browser ganz einfach installieren. Wie wäre es, wenn Sie gleich hier auf dieser Seite einen Sidewiki-Eintrag hinerließen? Ich würde mich freuen. Aber Achtung: Ihre Experimente wirken sich unmittelbar auf die eigene Reputation aus – wie unter anderem belegt, dass Google automatisch einen neuen Sidewiki-Eintrag in meinem persönlichen Google-Profil angelegt hat, nachdem ich meinen ersten Sidewiki-Kommentar gepostet hatte. Beeindruckend.

Freue mich auf Ihre Kommentare – wo auch immer :)

@jodeleit

Bild: Marc Walter / Photocase

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Über den Verfasser

Bernhard Jodeleit
Consultant bei Sympra von 2008 bis 2010. Jetzt bei bei der Agentur fischerAppelt, wo er für Social Media zuständig ist



4 Kommentare


  1. Gute Zusammenstellung – danke dafür. Die neuen Twitter-Listen finde ich ganz spannend. Ich bin neugierig, wie gut das “Followen” der gesamten Listen angenommen wird.

    Das Thema Sidewiki finde ich persönlich etwas bedenklich: “Wenn ich mir eine Website als Gebäude vorstelle, kann zukünftig jeder Sprayer seinen Spruch darauf hinterlassen. Das Lösungsmittel ist in Händen von Google.” ;-) Ich denke auch dort wird es Klagen geben, wegen Verletzung von welchen Rechten auch immer. Mein Kollege Jens Niemann hat das Thema vor einiger Zeit einmal etwas tiefergehend aufbereitet. Wenn gestattet, hier der Link zu seinem Blog-Eintrag: http://bit.ly/1HT7ha

    Habe übrigens lange überlegt, in welche meiner Listen ich Sie aufnehme. Mir gefällt, was und wie sie es machen. Deshalb habe ich auch von einem Sidewiki-Kommentar abgesehen, ich finde die Gestaltung von Web-Angeboten sollte dem Betreiber vorbehalten sein.

    Gruß und Schönes Wochenende Stephan Fink


  2. Gute Zusammenstellung – danke dafür. Die neuen Twitter-Listen finde ich ganz spannend. Ich bin neugierig, wie gut das “Followen” der gesamten Listen angenommen wird.

    Das Thema Sidewiki finde ich persönlich etwas bedenklich: “Wenn ich mir eine Website als Gebäude vorstelle, kann zukünftig jeder Sprayer seinen Spruch darauf hinterlassen. Das Lösungsmittel ist in Händen von Google.” ;-) Ich denke auch dort wird es Klagen geben, wegen Verletzung von welchen Rechten auch immer. Mein Kollege Jens Niemann hat das Thema vor einiger Zeit einmal etwas tiefergehend aufbereitet. Wenn gestattet, hier der Link zu seinem Blog-Eintrag: http://bit.ly/1HT7ha

    Habe übrigens lange überlegt, in welche meiner Listen ich Sie aufnehme. Mir gefällt, was und wie sie es machen. Deshalb habe ich auch von einem Sidewiki-Kommentar abgesehen, ich finde die Gestaltung von Web-Angeboten sollte dem Betreiber vorbehalten sein.

    Gruß und Schönes Wochenende Stephan Fink


  3. Lieber Herr Fink, danke für Ihren Kommentar und den interessanten Link!

    Sidewiki hat Licht- und Schattenseiten. Auf der einen Seite steht es für Demokratisierung und für das Prinzip von Wikipedia, auf der anderen Seite führt es unmittelbar vor Augen, wie weit der Kontrollverlust für Websiteinhaber und insbesondere Medienschaffende sowie Berufskommunikatoren heute geht. Da bin ich voll bei Ihnen.

    Klagen wird es sicherlich geben, doch dürften sie am Ende wohl nicht sehr erfolgversprechend sein – vergleiche diverse Prozesse gegen Wikipedia und auch den “Streisand-Effekt” (http://de.wikipedia.org/wiki/Streisand-Effekt).

    Wie weit die Bereitschaft Googles geht, anhand eigener Regularien und Algorithmen über Relevanz oder Nichtrelevanz zu entscheiden, zeigt die aktuelle Sidewiki-Diskussion zu diesem Beitrag. Ein Kommentar wird in Sidewiki sofort angezeigt, die weiteren erst nach Umblättern via Klick auf “Next”, gekennzeichnet mit dem Vermerk: “These entries may be less useful.” Google kennzeichnet als “less useful” und fragt erst im zweiten Schritt in die Runde, ob das stimmt.

    Wer angesichts dieser – um Ihr Bild aufzugreifen – digitalen Graffiti-Wände, dieser nicht mehr kontrollierbaren Distributed Conversations im Web, künftig erfolgreich Unternehmenskommunikation betreiben möchte, der braucht neben viel Kreativität einen guten, kontinuierlich aktualisierten Kommunikationsplan. Kreative Strategien, strategische Kreativität – in welcher Ausprägung auch immer, Hauptsache authentisch, kontinuierlich und rechtzeitig unternehmensweit durchdacht.


  4. mit Kommentaren versehen in einen anderen als den vom Eigentümer geplanten Kontext gebracht werden.

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  1. 02 11 2009 : Twitter Spätlese - Alles im Fluss | Zukunftskommunikation

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