Archiv für August, 2010

Augmented Reality – oder: Muh-Dose 2.0

E1065 Big in Augmented Reality – oder: Muh-Dose 2.0Der Begriff der „erweiterten Realität“ (von engl. Augmented Reality) geistert immer stärker durch Foren und Blogs. Ich habe zwar eine vage Ahnung, worum es geht, wende mich jedoch für einen ersten Überblick an den Studenten-Liebling Wikipedia: „Unter Erweiterter Realität versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Diese Information kann alle menschlichen Sinnesmodalitäten ansprechen, häufig wird jedoch unter erweiterter Realität nur die visuelle Darstellung von Informationen verstanden. Es ist die Ergänzung von Bildern oder Videos mit computergenerierten Zusatzinformationen oder virtuellen Objekten mittels Einblendung/Überlagerung.“ -  Aha.

Bei meiner weiteren Recherche im Web entdecke ich Zahlen von Juniper Research. So soll sich der Umsatz in der Branche bis 2014 auf 732 Millionen Dollar steigern. Wow, denke ich mir, an der Technologie muss was dran sein. 2010 beträgt der Umsatz nämlich voraussichtlich nur zwei Millionen Dollar…

Also begebe ich mich auf die Suche nach Beispielen und werde schnell fündig. YouTube hat diverse Videos parat, die zeigen, was alles möglich ist. Ob ins Handydisplay eingeblendete Zusatzinformationen zu Gebäuden, der nächsten U-Bahn Station oder welcher Satellit gerade über mir kreist: vieles ist möglich. Jüngstes Beispiel: Google Streetview, wo Informationen zu Gebäuden und Bewohnern in Fotos eingeblendet werden. Männer kommen schon länger in den Genuss von AR: Bei modernen Fußballspiel-Analysen verwenden Klopp & Co. diese Technik, um zu zeigen, wie der Laufweg besser gewesen wäre. Aber die Frauen werden nicht vergessen! metatio hat die erste virtuelle Umkleidekabine ins Leben gerufen…

Jetzt will ich aber endlich selber ausprobieren! Die MFG Baden-Württemberg betreibt ein „Augmented-Reality-Erprobungsgelände“. Hier darf man dem „Barrel in Motion“ Töne entlocken! Das Projekt basiert auf dem realen „Soundbarrel“ (Klangfass) von Axel F. Schlenker. Alles was man braucht ist eine Webcam, den Marker (löst die computergenerierte Aktion aus) vom Deckblatt des MFG Jahresberichts – und schon kann es los gehen.

Zuerst muss man dem Programm den Zugriff auf die Webcam erlauben. Automatisch erkennt das Programm im Anschluss an die Zugriffszulassung die Kamera, und man sieht sich selber auf dem Bildschirm. Das war schon mal leicht! Ich finde, dass der Jahresbericht etwas unspektakulär wirkt, und kann mir noch nicht so genau vorstellen, wie die verpixelte Neun und Zehn mit Augmented Reality zusammenhängen. Aber ich bin ja hier, um es zu lernen. Ich halte das Cover der Broschüre also erwartungsvoll vor das Webcam-Auge meines Laptops – und lasse alles erschrocken fallen: Mein Mac hat mich soeben angemuht!

Verzückt, dass ich nun AR live erleben darf, teste ich mich langsam an das „Barrel in Motion“ heran. Als erstes halte ich den Jahresbericht frontal in die Kamera. Ein 3D-Tracking Verfahren überträgt die Bewegungen des Markers auf das Klangfass. MUUUUHHHHHHH ertönt es aus den Lautsprechern. Das Geräusch versetzt mich zurück in meine Kindheit, zu meiner alten Muh-Dose. In dem Bildschirmkasten, in dem ich angezeigt werde, sehe ich auf einmal nicht mehr die verpixelten Zahlen, sondern ein Fass. Das hervorgerufene Gefühl lässt sich mit dem ersten Besuch im 3D-Kino vergleichen: Eigentlich weiß man, dass die Objekte nicht wirklich auf einen zukommen, und doch versucht man, nach ihnen zu greifen. Also nur, um ganz sicher zu gehen, streiche ich mit meiner freien Hand über den Marker, und schwupps ist das Fass verschwunden. Sobald ich den Marker wieder ohne Hindernisse in die Kamera halte, erscheint das Klangfass. Gut dann kann es ja los gehen.

Die nächsten zwei Minuten verbringe ich damit, die Rollen meines Schreibtischstuhls zum Glühen zu bringen. Vor und zurück. Denn je nach dem, wie weit man von der Kamera entfernt ist, ändert sich auch die erzeugte Lautstärke des Muhen. Mir rutscht eine Ecke aus der Hand, und sofort meckert mich mein Laptop als Ziege an. Die Bezeichnung „Barrel in Motion“ rührt nämlich daher, dass der Marker in mehrere Richtungen bewegt werden kann, um verschiedene Geräusche zu erzeugen. Also beschäftige ich mich mit dem Geräusch der Ziege, das durch eine 90-Grad-Drehung der Broschüre erzeugt wird. Durch weitere Drehungen schaffe ich es, dem Klangfass auch Pferdegewieher und Hahnenkrähen zu entlocken. Nach einigen weiteren Minuten Übung habe ich den Dreh für jedes Geräusch raus. Durch die Kombination der unterschiedlichen Geräusche lassen sich ganze Geschichten geräuschvoll untermalen. Zum Schluss habe ich eine kleine aber feine Komposition einstudiert. Die Bremer Stadtmusikanten müssen sich warm anziehen!

In Zukunft lassen sich sicher weitere Einsatzmöglichkeiten für die PR identifizieren. Es lohnt sich, diesen Trend im Auge zu behalten!

P.S.: Der Beitrag soll nicht den Eindruck erwecken, dass die „erweiterte Realität“ nur etwas für Spielkinder und Nerds ist. Auch in Medizin und Industrie wird die Technologie eingesetzt. Bei Operationen wird es in Zukunft beispielsweise möglich sein, dass mithilfe einer Spezialbrille zuvor aufgenommene CT-Bilder auf den Körper des Patienten projiziert werden und der Eingriff somit präziser durchgeführt werden kann. Der Lehrstuhl für Informatikanwendungen in der Medizin & Augmented Reality der TU München arbeitet an einer praktischen Umsetzung. In der Automobilindustrie verwendet BWM Augmented-Reality-Brillen, die den Monteuren das Arbeiten erleichtern sollen. Zum Beispiel erkennt die AR-Brille automatisch das Automodell und zeigt eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, wie der Motor gewartet werden muss inklusive Angabe des benötigten Werkzeugs. Dadurch kann ein zuverlässiges und fehlerfreies Ergebnis erreicht werden.

Unternehmer und Geschäftsführer aufgepasst: Geld sparen – Social Media ersetzen Euch die PR-Agentur!

Fridas-SM1 in Unternehmer und Geschäftsführer aufgepasst: Geld sparen – Social Media ersetzen Euch die PR-Agentur!

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Eine Geschichte aus dem wahren Leben.

Die Ausgangssituation

Kommt der Geschäftsführer eines nicht ganz kleinen Unternehmens auf eine PR-Agentur zu und meint, er wolle künftig Social Media für die Ansprache potenzieller Kunden einsetzen. Er habe in der Vergangenheit mit einem PR-Büro zusammengearbeitet, die zwar einen guten Job in Sachen klassischer Pressearbeit gemacht habe, aber nun brauche er die nicht mehr, denn nun solle die Pressearbeit durch Social Media Relations komplett ersetzt werden. (Anmerkung: Wie toll Facebook & Co. ist, hat er durch seine studierende Tochter erfahren, die hier sehr aktiv ist und eine nette Community aufgebaut hat.)

Und nach allem, was man so hört, scheint das ja auch der richtige Weg zu sein: Den PR-Dienstleister hatte er damals insbesondere deswegen engagiert, weil dieser so gute Kontakte zu den Journalisten hat – und genau die braucht man heute nicht mehr, denn über Twitter und Facebook und wer-kennt-wen erreicht man die Zielgruppen ja nun direkt, also ohne Redakteure in den Kommunikationsweg zwischenschalten zu müssen. Das bringt mit sich, dass die Texte auch ruhig einen Tick werblicher verfasst sein dürfen, denn der „Gatekeeper Journalist“ fällt erfreulicherweise weg.

Weiterer Vorteil ist, dass die Texte für Facebook-Seiten nicht mehr sehr lang sein müssen, daher auch aufwendige Recherchen und Textarbeiten weitgehend entfallen können. Diese Einsparung geht mit der Tatsache einher, dass Social-Media-Plattformen generell kostenfrei sind.

Im konkreten Fall sollte sich insbesondere der Marketingleiter, privat eifriger Twitterer, um Social Media kümmern; einige xing-erprobte Vertriebsmitarbeiter erklärten sich bereit, ebenfalls aktiv mitzumachen. Das sei gut, denn damit wären Akteure gefunden, die inhaltlich sehr nahe an den Unternehmensthemen sind.

Die Rechnung

Beratung für die Einführung müsse sein. Auch das Einrichten von Facebook-Seiten, eines Twitteraccounts etc. sollte man einem spezialisierten Dienstleister überlassen. Das Operative wiederum ließe sich prima inhouse erledigen. Durch den langfristigen Wegfall der Agentur wollte das Unternehmen nach 18 Monaten einen größeren fünfstelligen Betrag einsparen.

Der Ansatz

Die Agentur erhielt also den Auftrag, das Unternehmen in Richtung Social Media zu beraten und die ersten Aktivitäten aufzusetzen. Es folgten drei Workshops mit Geschäftsführer, Marketingleiter, Vertriebschef, sogar die Web-2.0-averse Werbeagentur war mit eingebunden. Workshops, in denen gemeinsam Zielgruppen definiert und Konzeptideen entwickelt wurden – und in denen die PR-Agentur regelmäßig darauf hingewiesen hat, dass es bei Social Media vor allem um INHALTE geht, mit denen Interessenten angesprochen werden. Und es geht um RELATIONS, also darum, mit dieser Community in Dialog zu treten. Die Kommunikationsprofis hatten zudem empfohlen, einen Newsroom oder eine andere geeignete Plattform als Ausgangsbasis für die Social-Aktivitäten aufzubauen und einen Themenplan für Postings aufzustellen. Es wurden Social-Web-Plattformen identifiziert, auf denen das Unternehmen vertreten sein sollte.

Und die PR-Agentur hat vor allem versucht, deutlich zu machen, dass es nicht um Social Media ODER klassische PR geht, sondern um Social Media UND klassische PR.

All dies wurde in einem umfassenden Kommunikationskonzept zusammengefasst und präsentiert. Die PR-Agentur hat sogar ein Pflichtenheft für eine eigene Web-2.0-Plattform erstellt, die die Werbeagentur – so der Wunsch des Kunden – programmieren sollte. Zudem wurde ein Entwurf für die Social Media Guidelines geliefert.

Die Wirklichkeit

Dass aus Sicht des Kunden das Konzept der PR-Agentur offenbar einige gute Tipps zum Selbermachen enthielt, ahnten die Verfasser, weil partout kein Feedback darauf kam – außer der pünktlichen Bezahlung der Rechnung. Inzwischen weiß die PR-Agentur auch warum. Der Marketingleiter twittert an seine binnen-zwei-Monaten-mehr-als-2.000 Follower – insbesondere Termine und Links auf die (statische) Website. Die Gruppe bei wer-kennt-wen wächst, dankenswerterweise auch dadurch, dass das komplette Vertriebsteam nebst Lebensgefährten Mitglied wurden. Dass die xing-Gruppe erst 13 Mitglieder hat, mag daran liegen, dass noch keine Artikel geschrieben und Diskussionen initiiert wurden. Der Newsroom geht, so war zu hören, in Kürze online; die Werbeagentur programmiert derzeit noch an einem Wordpress-Blog. Die Guidelines waren dem Geschäftsführer zu umfangreich („Das muss auf eine halbe Seite passen!“). Ein paar andere Hinweise, was im Web opportun ist und was nicht, wurden schlicht ignoriert, was bei manchen sozialen Aktivitäten des Unternehmens auffällt.

Da die Pressearbeit eingestellt worden war und keine Pressemeldungen mehr verteilt werden, gingen nicht nur die Veröffentlichungen in klassischen Printmedien, welche die Zielgruppe nach wie vor zur Entscheidungsfindung heranzieht, dramatisch zurück. Vor allem fehlen damit den Social-Media-Aktionen die Inhalte! Auch das merkt nicht nur der aufmerksame Beobachter.

Die Lehren

  1. Social Media leben von den Inhalten. Ein Tweet ohne interessanten Inhalt interessiert niemanden.
  2. Social Media Relations erfordern Wissen über das Web 2.0, über Plattformen, Prozesse, Kommunikationsstrukturen.
  3. Social Media Relations beanspruchen Ressourcen – Zeit und/oder Budget.
  4. Social Media Relations sind nicht unbedingt preisgünstiger als klassische PR – aber in vielen Fällen effektiver und effizienter.
  5. Social Media Relations ergänzen Public Relations – sie sind Teil davon.
  6. Social Media Relations erfordern Professionalität.
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Ach ja: Neulich berichtete ein Printmedium über die beachtlichen Social-Media-Aktivitäten des Unternehmens, die es mithilfe seiner Werbeagentur umsetzt. Man scheint sich also auf den Nutzen klassischer Medienarbeit rückbesonnen zu haben.