Sympra bietet ab 1.1.2015 keine Praktika mehr an.

Praktidesk

a) Fast so lange es Sympra gibt (seit 23 Jahren), gibt es auch Sympra-Praktika. Wir finden Praktika bestens geeignet, um durch aktive Mitarbeit einen Einblick in die Öffentlichkeitsarbeit zu erhalten. (Ich selbst bin über verschiedene Praktika in die PR-Branche gelangt.) Praktikanten kommen für mindestens drei, besser für sechs Monate zu uns; kürzere Zeiträume haben sich für beide Seiten nicht bewährt. Wir möchten ihnen die Gelegenheit bieten, Praxiserfahrung zu sammeln und ihr theoretisches Wissen über Kommunikation zu ergänzen. Entsprechend Mühe geben wir uns: Wir leisten ausführliche Hilfestellung, binden sie aktiv in Projekte mit ein und lassen sie teilhaben an Ideenfindung und Umsetzung. Dafür zeigen wir z. B., wie man eine gute Pressemitteilung erstellt, nehmen die Praktis mit zu Besprechungen und Terminen, schicken sie auf Veranstaltungen, lassen sie Texte schreiben, die wir mit ihnen besprechen. Und ja, Praktikanten unterstützen uns, etwa bei Vorrecherchen für die Redakteure, Erstellen von Einladungsverteilern, beim Bestücken von USB-Sticks oder – wenn es jahreszeitlich passt – bei der Organisation der Sympra-Weihnachtsfeier. In der Regel gelingt uns eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Schon vor vielen Jahren schlossen wir uns der Initiative „Fair Company“ von Handelsblatt und karriere.de an, weil wir deren Grundsätze und Regeln uneingeschränkt unterstützen. Und: Wir haben Praktika immer vergütet, nicht fürstlich, aber fair (500-700 Euro im Monat). Von den schätzungsweise 50 Praktikanten, die wir in den vergangenen zwei Dekaden beschäftigt haben, dürfte kaum einer nicht positiv über seine Zeit bei Sympra berichten; in einigen Fällen hat es so gut gepasst, dass sie bei uns geblieben sind.

500-700 EUR sind kein Spitzengehalt, aber wir müssen intern den Aufwand dazu kalkulieren, den die Anleitung und Betreuung des Praktikanten durch einen Consultant mit sich bringt. Wenn wir wirklich Orientierung bieten und Praxis vermitteln wollen, dann müssen wir hier investieren und nur wenige Prakti-Stunden lassen sich am Monatsende Kundenprojekten zu- und damit abrechnen.

b) Wir wollten es ja nicht glauben, aber ab 1. Januar 2015 greift der Mindestlohn auch für Praktikanten, wenn sie länger als drei Monate tätig sind. Das trifft, siehe oben, auf Sympra-Praktikanten normalerweise zu. 8,50 Euro pro Stunde führen zu Lohnkosten von über 1.600 Euro – mehr als das Doppelte wie bisher. Dieser Betrag lässt sich für ein Unternehmen unserer Größe nur noch darstellen, wenn wir den Praktikanten als günstige Arbeitskraft einsetzen, der möglichst viele Arbeiten erledigt, die wir weiterberechnen können, und der ansonsten die Botengänge und das Kaffeekochen übernimmt. Denn Consultants- oder gar Geschäftsführerstunden für Aus- und Weiterbildung sind da nicht mehr drin.

Wir haben daher beschlossen, aus betriebswirtschaftlichen Gründen ab 1. Januar 2015 keine Praktika mehr anzubieten.

c) Mag sein, dass es Agenturen und Verlage gibt, die Praktikanten die Aufgaben von (Junior) Consultants geben und diese entsprechend abrechnen. Oder Quasi-Praktikanten über ein Jahr und länger beschäftigen. So wollen wir es ja aber gerade nicht machen. Möglicherweise bricht bei dem einen oder anderen Dienstleister das Geschäftsmodell zusammen, weil er seinen Praktikanten jetzt als das bezahlen muss, was er eigentlich ist: eine Arbeitskraft. Das wäre zu begrüßen und reinigt die Branche.

d) Ein Praktikum ist, so jedenfalls haben wir die ursprüngliche Idee begriffen, in erster Linie eine Orientierungsphase und keine Zeit, in der man mal für ein paar Wochen malocht, um richtig Kohle zu verdienen. Wir haben den Eindruck, dass alle unsere Praktikanten das genau so verstanden hatten – und sie konnten immer sicher sein, dafür an anderer Stelle umso mehr zu profitieren.

e) Es tut uns wirklich Leid für all die Studierenden, die während oder nach ihrem Studium ein paar Monate Praxisluft schnuppern wollen (davon gibt es ja sehr viele, wie wir aus den eingehenden Bewerbungen wissen). Wir halten die Mindestlohnlösung für Praktikanten für katastrophal. Sie sorgt dafür, dass ein für die Branche und ihren Nachwuchs wichtiger Ausbildungs-, Berufsfindungs- und Rekrutierungsweg praktisch wegfallen wird. Dass dem so sein wird, wissen wir von unseren Partneragenturen in Großbritannien, Frankreich und Österreich, wo ebenfalls ein Mindestlohn vorgeschrieben ist und wo es kaum noch Praktikantenplätze gibt.

f) Ausbildung und Nachwuchsförderung liegen uns nach wie vor am Herzen, und traditionell bauen wir unseren Mitarbeiterstamm auch darüber auf. Wir werden uns künftig darauf verlegen, Traineestellen anzubieten, bei denen wir mindestens 15 Monate lang einen künftigen Sympraner in die PR-Welt einführen, ihn trainieren und externe Seminare besuchen lassen. Hier ist die Praktikumszeit dann sozusagen mit eingepreist; der Return-on-Invest ist bei 15+ Monaten gegeben.

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Über den Verfasser

Veit Mathauer
Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und seit einiger Zeit Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.



16 Kommentare


  1. Als Sympra-Alumna, die hier die allererste Praxisluft im PR-Bereich gesammelt hat, finde ich die Entscheidung sehr schade. Sympra gehört zu den Agenturen, die sich wirklich um Praktikanten bemühen – mit Know-how, mit Engagement und eben auch mit einer anständigen Bezahlung.
    Natürlich sehe ich die Problematik, dass der Mindestlohn einen erheblichen finanziellen Aufwand für Agenturen bedeutet. Gleichzeitig ist er aber auch ein wichtiges Signal an die Branche: Gerade Langzeitpraktikanten (Stichwort “Generation Praktikum”) können nun eben nicht mehr als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Und dass hier im PR- und Werbebereich einiges im Argen lag, lässt sich leider nicht wegdiskutieren.
    Wir von kommoguntia halten es deshalb für wichtig, Praktika kostenneutral durchführen zu können. Als Praktikant hat man einfach Ausgaben, die gedeckt werden müssen: Dazu zählen etwa Miete, Nahrungsmittel und das Verkehrsticket. Kommo hat deshalb in einer Stellungnahme zur Vergütung die Orientierung am Bafög-Satz gefordert (http://kommoguntia.de/content/stellungnahme-zum-geplanten-mindestlohn) – und da wäre Sympra mit seiner Gehaltspolitik gut aufgestellt. Vielleicht wäre es ja eine Lösung, in Zukunft Pflichtpraktikanten zu beschäftigen. Das würde es Studenten weiterhin ermöglichen, wertvolle Praxiserfahrungen zu sammeln und bietet Sympra die Option das bisherige Vergütungsmodell beizubehalten. Denn seien wir mal ehrlich: Auch für ein Traineeship dürften erste Erfahrungen im PR-Bereich unabdingbar sein.


  2. Lieber Veit,

    ich finde die Entscheidung grundsätzlich nicht verkehrt, sie bezieht aber wenn ich es richtig sehe, einen wichtigen Aspekt nicht ein: Wenn ein Studiengang ein Praxissemester vorschreibt, ist m.W. kein Mindestlohn fällig. Wir haben z.B. in unserem neuen Studiengang Onlinekommunikation statt der bisherigen drei Monate nun 18 Wochen Praxisphase vorgesehen und deshalb sogar den Studiengang mit sieben Semestern geplant statt mit sechs. Nach meinem Verständnis kann ein solches Praktikum mehr als bloß Orientierung, sondern ein Ausbildungsbaustein sein. Schade, wenn Sympra hierfür nicht mehr in Frage kommt….


  3. Lieber Thomas,

    Du weißt, dass uns Praktika(nten) sehr am Herzen liegen, und ich finde – wie bei Euch – eine verlängerte Praxisphase sehr gut.

    Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Sympra die einzige Agentur ist, die hier Konsequenzen zieht. Offenbar ist das Thema Mindestlohn noch nicht überall angekommen.

    Aber: a) Wir bieten weiterhin Traineeships an. b) Für Pflichtpraktikanten (z. B. von der HS Darmstadt) sind wir bestimmt auch in Zukunft zu haben.


  4. Lieber Veit,

    so finde ich das nachvollziehbar und o. k. – wobei ich davon ausgehe, dass auch andere Hochschulen ähnliche Praktika vorsehen…


  5. Meinst Du, dass auch Unis (zeitnah) auf Pflichtpraktika umstellen?


  6. Lieber Herr Mathauer,

    erstmal gut und schön, dass Sympra weiterhin für Pflichtpraktika zur Verfügung stehen – gerade weil die Nachwuchsarbeit von Sympra vorbildlich ist. Nach meinem Wissensstand gelten folgende Ausnahmen für den Mindestlohn:

    “Praktikanten, die ein verpflichtendes Praktikum im Rahmen von Schule oder Studium oder ein Orientierungspraktikum absolvieren. Bei vorgeschriebenen Pflichtpraktika gilt die Grenze von drei Monaten nicht.”

    > (siehe den Beleg dazu in der Beschlussempfehlung des Gesetzes unten)

    Wie Thomas Pleil bereits erläutert hat, sind in vielen Studiengängen – insbesondere an HaWs (Hochschulen für angewandte Wissenschaft – vormals FHs) Pflichtpraktika obligatorisch – bei uns sind dies volle sechs Monate. Das Praktikum ist bei uns ein integrativer Ausbildungsbestandteil und weniger eine Orientierungsphase (http://www.hdm-stuttgart.de/pr/studierende/praxissemester). Wir gehen sogar einen Schritt weiter und verlangen von unseren Bewerbern ein sechswöchiges Vorpraktikum im Kommunikationsbereich (in einer Redaktion oder Kommunikationsabteilung etc.), um die Orientierungsphase bereits vor die Studienwahl zu schalten.

    Ich kann absolut nachvollziehen, dass das Praktikum für Quereinsteiger aus fachfremden Gebieten für eine PR-Agentur nur Aufwand und wenig Ertrag bedeutet. Allerdings hoffe ich auch, dass “hungrige” PR-Studierende, die wissen, was sie wollen und können, dies auch weiterhin in der PR-Branche unter Beweis stellen können. Denn wir bereits oben erwähnt ist das Praktikum häufig der erste Bindungsfaktor für eine erfolgreiche spätere Zusammenarbeit.

    Zur Frage, ob auch Universitäten immer mehr Praktika verlangen werden, zwei Sätze: Im BA Kommunikationswissenschaft in Hohenheim ist ein zweimonatiges Pflichtpraktikum im Curriculum festgeschrieben. (https://www.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/institut-kowi/Studienplaene/BA_KoWi_2013.pdf).

    Wahrscheinlich wird sich das Ausbildungsangebot weiter ausdifferenzieren, nämlich in a) BA-Programme mit einer klaren Berufsorientierung (primär HaWs, aber auch Unis), BA-Programme mit einer klaren Forschungsorientierung (primär grundlegende und allgemeine empirische Kommunikationswissenschaft), breite BA-Programme, die automatisch auf einen berufs- oder forschungsqualifizierenden Master abzielen (und ggf. eine längere Praxisphase dazwischen schieben).

    Abschließend möchte ich noch auf das DGPuK-Papier zur akademischen PR-Ausbildung in Deutschland hinweisen (http://www.dgpuk.de/wp-content/uploads/2012/01/DGPUK_StandardsBroschuere20090622_v01.pdf)

    Es scheint mir auch, dass die Hochschulausbildung im PR-Bereich von der Praxis zu wenig wahrgenommen wird. Natürlich gibt es immer noch eine Differenz zwischen Hochschule und Praxis – und das ist auch gut so und soll so bleiben. Aber wir haben schon den Anspruch Reflexionsfähigkeit über das “was” der PR und das Handwerkszeug “wie” den Studierenden vor dem Praktikum mitzugeben, damit diese eben auch an anspruchsvolleren Tätigkeiten mitarbeiten können und nicht in auf dem Clipping-Friedhof geparkt werden. Ich denke, diesen Anspruch teilt auch Sympra.

    Viele Grüße,

    Swaran Sandhu

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    siehe dazu auch die Beschlussempfehlung

    http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/020/1802010.pdf

    §22
    Absatz 1 Satz 2 wird aufgehoben. wird wie folgt geändert:

    Absatz 1 wird wie folgt gefasst:
    „(1) Dieses Gesetz gilt für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Praktikantinnen und Praktikanten im Sinne des § 26 des Berufsbildungsgesetzes gelten als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Sinne dieses Gesetzes, es sei denn, dass sie

    1. ein Praktikum verpflichtend auf Grund einer schulrechtlichen Bestimmung, einer Ausbildungsordnung, einer hochschulrechtlichen Bestimmung oder im Rahmen einer Ausbildung an einer gesetzlich geregelten Berufsakademie leisten,

    2. ein Praktikum von bis zu drei Monaten zur Orientierung für eine Berufsausbildung oder für die Aufnahme eines Studiums leisten,

    3. ein Praktikum von bis zu drei Monaten begleitend zu einer Berufs- oder Hochschulausbildung leisten, wenn nicht zuvor ein solches Praktikumsverhältnis mit demselben Ausbildenden bestanden hat, oder

    4. an einer Einstiegsqualifizierung nach § 54a des Dritten Buches Sozialgesetzbuch oder an einer Berufsausbildungsvorbereitung nach §§ 68 bis 70 des Berufsbildungsgesetzes teilnehmen.
    Praktikantin oder Praktikant ist unabhängig von der Bezeichnung des Rechtsverhältnisses, wer sich nach der tatsächlichen Ausgestaltung und Durchführung des Vertragsverhältnisses für eine begrenzte Dauer zum Erwerb praktischer Kenntnisse und Erfahrungen einer bestimmten betrieblichen Tätigkeit zur Vorbereitung auf eine berufliche Tätigkeit unterzieht, ohne dass es sich dabei um eine Berufsausbildung im Sinne des Berufsbildungsgesetzes oder um eine damit vergleichbare praktische Ausbildung handelt.“


  7. Lieber Herr Professor Sandhu,

    Danke für Ihre Hinweise. Wir bei Sympra sind die ersten, bei denen Berufseinsteiger möglichst viel Praxiserfahrung mitbringen sollen. Bis heute tragen wir durch unser Ausbildungsangebot – vom BOGy über Praktikum bis zum Traineeship – selber gern dazu bei. Bisher ist dies auch eine echte Win-Win-Situation.

    Fragt sich aber, wie Praxiserfahrung gesammelt werden soll, wenn Unternehmen und Agenturen immer weniger Praktika anbieten – und dazu wird es bestimmt kommen; wenigstens vorübergehend, bis alle Hochschulen den Praxispart zum Pflichtteil des Studiums machen. Hochschulen wie die HdM sind hier vorbildlich.

    Wir sind natürlich weiterhin am engen Kontakt zu Hochschulen und (hungrigen) Studierenden interessiert und bringen uns hier gerne ein – aber eben nicht für 8,50 EUR die Stunde.

    VM


  8. Liebe Sympras,

    eine gute, differenzierte Darstellung der Situation, der ich noch einen Aspekt hinzufügen möchte: die Situation der Quereinsteiger. Nun ist diese allen PR-Studierenden und PR-Professoren verständlicherweise herzlich egal. In der Praxis bewerben sich bei PR-Agenturen aber gerade nach dem Studien viele Historiker, Politikwissenschaftler, Germanisten, Architekten, Amerikanisten und so weiter. Die noch keine Idee haben, was sie mit ihrem Studium anfangen wollen. Und erst recht keine Idee, ob PR wirklich eine Option ist. Schon oft sind orientierungslose junge Menschen nach dem Studium zu uns gekommen – und geblieben. Und fanden es auch in Ordnung, dass sie als Praktikanten angefangen haben. Da sie nicht die geringste relevante Erfahrung mitbrachten und deshalb viel Unterstützung brauchten. Und sich auch noch nicht festlegen wollten.

    Die Generation Praktikum ist ein Phänomen, das Wikipedia in die 90er des letzten Jahrhundert verortet. Der demographische Wandel hat doch längst eine andere Realität geschaffen. Gut, negative Beispiele aus der heutigen Zeit gibt es immer noch. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Anzahl der positiven Erfahrungen deutlich höher wäre – wenn nicht immer nur die Meckerer Laut geben würden.

    Die Studenten aus den eher generalistischen Studiengängen werden in Zukunft große Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Denn auch unsere Agentur wird keine fertigen Bachelor oder Master mehr nehmen, die noch nicht genau wissen, was sie wollen. Ausbildung und Hilfestellung für Leute, von denen wir nicht sicher ausgehen können, dass sie bei uns bleiben, können wir uns leider nicht leisten. Und das ist schlecht für sehr viele junge Leute, die nach dem Studium noch nicht wissen, was sie mit sich anfangen wollen.


  9. Liebe Birgit Krüger,

    absolut richtig! Danke für diese Ergänzung.

    Ich dachte eigentlich auch, dass das Thema “Generation Praktikum” durch Maßnahmen wie “Fair Company” deutlich an Brisanz verloren hätte.

    Schade, dass der Mindestlohn in unserem Bereich am eigentlichen Ziel so vorbeischießt.

    VM


  10. Hallo lieber Kollege,

    ich bin Freiberufler, habe aber immer wieder viel Zeit in meine Praktikanten investiert. Darüberhinaus ist es für einen Freiberufler aber nur bedingt möglich ein Gehalt zu zahlen. Eine etwas andere Situation als bei Euch.

    Auch wenn es jetzt heißt, da und da sind Ausnahmen vom Mindestlohn möglich, ist mir das Risiko zu hoch, dann doch in die Falle zu tappen. Denn ein Opt-out via privatwirtschaftlichem Vertrag sieht das Gesetz nicht vor. So kann der Praktikant im Zweifel immer den Mindestlohn einklagen.

    Schade um die Ausbildungsqualität. Aber Gesetz bricht nicht BWL.

    BG aus Bremen

    Nicolas Scheidtweiler


  11. Lieber Schreiber,

    Ihnen unterlief ein sprachlicher Schnitzer:

    “mehr als das Doppelte wie bisher”, es heißt als statt wie.

    Außerdem sollte allen klar sein, dass man von 500 bis 700 Euro keine Miete und kein Leben bezahlen kann. Mindestlohn ist fair, auch für Praktikanten.
    Ich erlebe immer wieder, dass Firmen nur “so tun”, als sei dafür das Geld nicht da. Wer nicht auch durch den Lohnzettel Wertschätzung äußert, riskiert Fluktuation und Frust.

    Kann man ja nun Trainees einstellen, da sind 1.600 noch im Soll.

    - Kate


  12. Liebe Kate,

    korrekt: 500-700 Euro sind nicht viel. Aber ein Praktikum soll ja auch kein Ersatz für einen “richtigen” Job sein, sondern Teil einer Berufsausbildung bzw. einer beruflichen Orientierung. Mit dem Gehalt bewegen wir uns in etwas auf Höhe des Bafög-Satzes.

    VM

    PS. Ist kein sprachlicher Schnitzer! Denn “als” bezieht sich auf “mehr”, aber “wie bisher” ist ein Teil für sich. Ich habe zur Sicherheit mit der Duden-Redaktion gesprochen … :-)


  13. Lieber Herr Mathauer,

    Sie schreiben, dass zusätzlich zu den Lohnkosten für einen Praktikanten auch die Kosten für die Betreuung durch einen Consultant zu kalkulieren sind. Es ehrt Sie sehr, dass Sie Ihren Mitarbeitern der Mehraufwand im Bereich der Ausbildung zeitlich und/oder monetär vergüten.

    In den meisten Unternehmen ist das jedoch nicht so. Da geschieht die Betreuung von Praktikanten, Studenten, Azubis etc. on top zum eigentlichen Job. Es haut hin, weil viele Arbeitnehmer sich stark für junge Menschen engagieren. Und eigentlich ist das auch genau richtig so. Stichwort “gesellschaftliche Verantwortung.”

    Die Gesellschaft verschafft der Wirtschaft einen Pool toller Absolventen.
    Die Studenten/ Praktikanten/ Azubis werfen sich mit ganzer Arbeits-Kraft ins Arbeitsleben.
    Die gestandenen Kollegen machen die Berufsanfänger fit fürs Unternehmen.
    Und die Unternehmen zahlen (zukünftig) einen Mindestlohn.

    Das scheint mir ein recht ausgewogenes Verhältnis – in dem jeder gibt und jeder profitiert.

    Liebe Grüße
    Stefanie Sohr

    (Mag natürlich dennoch sein, dass das Konstrukt in Ihrem speziellen Fall hakt. Aber Gesetze können ja immer nur das Große und Ganze bestmöglich regeln.)


  14. Hallo Herr Mathauer,

    ich bin über einen Link im Zeit-Forum auf Ihr Statement gestoßen. Sehr gut beschrieben, same here … wer fair bleiben will, kommt leider unter die Räder.
    Im Zeit-Forum hatte ich im April auch mal einen Diskussionsbeitrag zum Mindestlohn (siehe unten) beigesteuert, und wurde prompt als böser Ausbeuter angeprangert. Jetzt streichen wohl auch wir schweren Herzens die Praktikantenstellen …

    Viele Grüße, Stephan Glocker

    Auszug aus Beitrag Zeit-Forum …

    Wir betreiben ein kleines Redaktionsbüro (Special Interest-Medien Print & online) mit ca. zehn Leuten und nehmen immer wieder mal Praktikanten, die in eine Redaktion reinschnuppern möchten. Damit das halbwegs Sinn macht, sind vier Monate das Minimum.

    Über Bewerber entscheiden wir rein nach persönlichem Eindruck und vermutetem Potenzial. Uni-Abschlüsse etc. haben für unsere Zwecke kaum Aussagekraft. Dass ein heutiger “Master” zum Beispiel die Rechtschreibung halbwegs beherrscht, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Von “fertig ausgebildet” kann – in unserem Berufsbild – keine Rede sein.

    Die Praktis kriegen bei uns derzeit 600 Euro/Monat; sobald sie Druckfähiges abliefern: 800 Euro. Ausgebeutet haben wir – glaube ich – noch niemanden, aber Einblicke verschafft, die allen bei ihrer Berufsfindung geholfen haben – und sei es nur die Erkenntnis, dass dieser Job wohl nichts für sie ist.

    Im Idealfall produzieren die Praktis auch Brauchbares, mitunter sogar Wertvolles. Zuletzt wurden zwei Praktikanten als Volontäre (im Journalismus die reguläre Ausbildung) übernommen, übrigens zu tariflichen Bedingungen mit ca. 2000 Euro/Monat und Kostenübernahme aller Kurse etc.

    Sollte uns künftig jeder Praktikant aus dem Stand ca. 1600 bis 1700 Euro/Monat kosten (Mindestlohn zzgl. Arbeitnehmeranteil Sozialabgaben), könnten wir dieses “Schnupper-Angebot” für Berufseinsteiger wohl nicht aufrecht erhalten.


  15. Liebe Frau Sohr, lieber Herr Glocker,

    die Mindestlohngeschichte trifft halt leider (auch) die Unternehmen, die einen Praktikanten als Auszubildenden und nicht als preisgünstige Arbeitskraft betrachten – wie Sie, Herr Glocker, wie Sympra. Trotzdem glaube ich, dass es bessere Instrumente gibt, “gute” Ausbildungsbetriebe von “weniger guten” zu unterscheiden als pauschal den Mindestlohn zu verordnen; das Siegel “Fair Company” von Handelsblatt/karriere.de, beispielsweise, finde ich hierfür eine sehr gute Möglichkeit.

    Und, Herr Glocker, wie Sie der Diskussion auf http://www.facebook.com/sympra entnehmen können: Die Kritik, der Sie im ZEIT Forum ausgesetzt waren, trifft auch uns.

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