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Schwarm, twittere uns ein Lexikon!

Vor ein paar Wochen haben wir an dieser Stelle über die Crowdsourcing-Plattform Aardvard („Erdferkel“) berichtet, die hilft, Fragen zu x-beliebigen Themen von der Webcommunity beantworten zu lassen. Nun ist uns Twick.it aufgefallen, auch eine Schwarmintelligenzplattform, die Elemente von Wikipedia und Twitter verknüpft. Wie das geht, dazu haben wir den Twick.it-Gründer Sean Kollak befragt.

Twick It 1 in

Die Twick.it-Macher Markus Möller und Sean Kollak.

Sean, Twick.it ist eine „Mitmach-Enzyklopädie“ wie Wikipedia. Was unterscheidet die beiden Konzepte voneinander?
Viel. Der wichtigste Unterschied ist die Begrenzung der Erklärung bei Twick.it auf 140 Zeichen. Außerdem arbeiten bei Wikipedia mehrere Redakteure gemeinsam an der Verbesserung eines Artikels. Das führt nicht nur zu sehr langen Artikeln, sondern auch oft zu Streit, dem so genannten Edit War. Bei Twick.it kann jeder zu jedem Thema eine Erklärung erstellen. Die Masse der Nutzer entscheidet über die beste Erklärung. Es gibt also verschiedene Erklärungsansätze zu einem Thema. Um unnötige Löschdiskussionen auszuschließen, gibt es bei Twick.it keine Admins und nur die Nutzer bestimmen, was relevant ist.  Es muss auch nicht alles nach einem neutralen Gesichtspunkt formuliert werden oder durch Referenzen in klassischen Medien nachgewiesen werden. Gerne darf auch auf Blogs und andere ungewöhnliche Quellen verlinkt werden. Außerdem gibt es keine Hyperlinks, die von Autoren angelegt werden, sondern semantische Verknüpfungen , die von der Erklärmaschine automatisch generiert werden. Schließlich kann der Leser mit dem Twick.it Tool Tipp zu jedem Wort eine Erklärung anzeigen lassen.

Warum sind Twick.it und ähnliche Plattformen so erfolgreich?
Weil die Nutzer sich selbst einbringen können. Viele Menschen verspüren den Wunsch, Spuren im Netz zu hinterlassen. Dahinter stecken sicher nicht nur altruistische Motive, wie Wissen teilen, sondern auch der Wunsch, eine Reputation aufzubauen. Schließlich bieten Twick.it und andere Plattformen Möglichkeiten, mein Hobby und meine Interessen mit der ganzen Welt zu teilen. Und es basiert auf freiwilliger Basis: Jeder bringt nur so viel in das Projekt ein, wie er will. Jede kleine Erklärung und jede Bewertung ist ein wichtiger Bestandteil eines Wissens-Puzzles, das mit der Zeit gigantisch groß wird.

Werden die einzelnen Beiträge noch einmal von Euch gelesen, bevor sie online gehen?
Nein. Jeder Beitrag ist sofort online, wenn er keine Wörter enthält, die auf der schwarzen Liste stehen.

Kann das gutgehen?
Ja. Denn Twick.it basiert auf dem Prinzip der Selbstregulierung Jeder Nutzer kann mit einem Klick Missbrauch melden. Es ist zwar einfach, Mist zu schreiben, aber es ist noch einfacher, ihn wieder rauszuschmeißen bzw. abzuwerten. Trolle haben also wenig Spaß an Twick.it.

Gibt es Fälle von Beleidigungen oder ähnlichem?
Nein. Wir sind überrascht, wie positiv und konstruktiv die Plattform genutzt wird. Auch die Qualität der Erklärungen ist erstaunlich hoch. Der Grund liegt vermutlich darin, dass sich Nutzer bei uns anmelden müssen. Nur wer angemeldet ist, kann auf der Plattform aktiv werden und Erklärungen formulieren oder bewerten. Ein weiterer Grund ist, dass es bei uns keine Diskussionsseiten und keine Administratoren gibt. Es geht einzig und allein um die Themen und deren möglichst präzise Erklärung. Außerdem kann niemand sehen, von wem er positiv oder negativ bewertet wurde. So kann auch keiner beleidigt sein.

Kann so etwas bei der Menge an Einträgen überhaupt kontrolliert werden?
Ja. Viele Augen sehen viel. Eine der Twick.it-Seiten, die am häufigsten aufgerufen wird, ist eine Auflistung der letzten 50 Erklärungen.  Diese Liste kann nur über die Pinnwand erreicht werden. Wir sehen daran, dass viele Nutzer Neueinträge kontrollieren. Außerdem kann jeder Nutzer RSS-Feeds zu seinen Lieblingsthemen abonnieren und sich so auf dem Laufenden halten.

Gibt es besonders verwunderliche Einträge?
Einige, aber nicht viele. Da beschreibt einer „Fliege“ so: „Bsssssssssss“. Oder „Jesus“ als „historischen Schuhdesigner – Marke Jesuslatschen“ – ein Klassiker und eine Anspielung auf den Film „Das Leben des Brian“. Solche Beschreibungen werden natürlich nie an erster Stelle im Ranking erscheinen, aber sie vervollständingen das Bild. Anders gesagt: Um Sinn definieren zu können, muss man auch wissen, was Unsinn ist. Ganz stark ist Twick.it übrigens bei Fachbegriffen aus dem Marketing, regionalen Begriffen und Neudeutsch. In welcher Enzyklopädie findet man schon eine kurze, knackige Erklärung für Hübbelbummler, Landpomeranze, Lustorgel, weißwählen oder Morgenlatte?

Und wie finanziert sich denn Euer Projekt?
Gar nicht. Markus und ich sehen das einfach als ein teures Hobby an. Wenn wir weiter wie bisher wachsen, wird aber eher früher als später der Punkt kommen, an dem wir auf diese Frage auch eine Antwort präsentieren müssen. Twick.it öffnet uns im Moment viele Türen, bringt uns mit vielen Menschen zusammen, hat neue Freundschaften entstehen lassen. Das sind Dinge, die man nicht bezahlen kann.

Ich stelle mir vor, dass der Betrieb von Twick.it recht arbeitsaufwendig ist. Wie viel Zeit verbringt Ihr mit dem Auf- und Ausbau des Online-Lexikons?
Jede freie Minute. Aber wenn man Spaß an einer Sache hat, ist das nicht weiter tragisch. Twick.it ist mein Baby und ich will, dass es groß und stark wird. Genau wie bei meinen „richtigen“ Kindern, frage ich mich immer, wie ich es zum jetzigen Zeitpunkt am besten fördern kann. Das Problem ist, dass die ToDo-Liste jeden Tag länger wird und wir uns auf die wichtigsten Baustellen konzentrieren müssen. Immerhin machen Markus und ich bisher alles allein: Programmierung, Support, Kommunikation, Ideenmanagement…

Was habt Ihr als nächstes vor? Wie sieht die Zukunft für Twick.it aus?
Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, eine kritische Masse an Nutzern anzusprechen und eine kleine Community zu schaffen. Falls das klappt – und im Augenblick sieht es ganz gut aus – dann wird Twick.it in naher Zukunft auch in anderen Sprachen online gehen. Darüber hinaus werden wir schon bald eine mobile Website für Smartphones rausbringen. Davon erhoffen wir uns noch mal einen tüchtigen Schub. Das Erfolgsprinzip ist ganz einfach: Je mehr Erklärungen wir sammeln, desto größer ist die Relevanz – auch bei Suchmaschinen – und desto mehr Leute machen mit. Wir hoffen auch, dass immer mehr externe Webseiten unseren Tool Tipp als externes Glossar nutzen. Damit bekommt der Leser die Erklärung auf den Bildschirm – ohne die aktuelle Website verlassen zu müssen.

Zum Abschluss: Wie kamt Ihr eigentlich auf die Idee, das Projekt zu starten?
Wir haben schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, eine Web 2.0-Anwendung zu realisieren. Der entscheidende Impuls kam jedoch – wie so oft – ganz zufällig. Durch die Mail von einem Kollegen. Eigentlich war es nur eine Schnapsidee: Kann man die Usability von Twitter mit der enzyklopädischen Struktur von Wikipedia vereinen? Je mehr wir darüber nachdachten, umso mehr Potenzial haben wir darin entdeckt. Also haben wir recherchiert, ob nicht schon jemand die gleiche Idee hatte. Da dies nicht der Fall war, haben wir sofort losgelegt.

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg, Sean!

Am Besten gleich selber mal ausprobieren: www.twick.it.

Frag’ das Erdferkel!

Wenn ich morgens – egal ob um 6.00 oder 9.30 Uhr – meinen Rechner hochgefahren habe und Twitter oder Tweetdeck öffne, sehe ich täglich weit über ein Dutzend Tweets à la „Guten Morgen, liebe Twitterer!“ oder „Hallo Welt – bin da!“. Twitter kennt ja viele Spielregeln und jeder Zwitscherer hat so seine ganz eigenen Nutzungsgewohnheiten. Ich habe mich aber doch immer wieder gefragt, ob hinter diesen Guten-Morgen-Meldungen mehr steckt: Vielleicht der Geheimcode einer Twitter-Subcommunity? Oder eine Netiquette, die ich seit Jahren missachte?

Erdferkel in

Ich wollte es genau wissen. Dazu habe ich mich des Dienstes Aardvark bedient. Dieser verbindet Freunde miteinander, um ungelöste Fragen schnell zu klären. Ich gebe meine Frage ein – vorsichtshalber auf Englisch: „Why do people twitter ‘Good morning, dear Twitter community!’ when they start their day? Does this make any sense?“ Diese Frage schickt Aardvark nun an die Community, genauer gesagt: an ausgewählte Menschen, die sich hier mit einem Expertenprofil registriert haben. Sie haben z. B. angegeben, dass sie sich zum Thema „Twitter“ auskennen und dass sie gern bis zu dreimal am Tag für Antworten auf Aardvark-Fragen zur Verfügung stehen. Klassisches Crowdsourcing also.

Aardvark recherchiert nicht in Datenbanken von Suchmaschinen, sondern befragt Personen, die sich als Experten bei Aardvard registriert haben. (Ich bin dort übrigens auch zu ein paar Themen „Experte“ und wurde auch schon um Tipps gebeten.) Aardvark kann via E-Mail, Instant Messenger, Twitter und über das iPhone genutzt werden, sowie über die Website vark.com. Im Februar 2010 hat Google das Unternehmen übernommen, seither kann man auch sein Google Profil in Aardvark einbinden.

Die Antworten kommen in der Regel innerhalb von 5 Minuten, bei mir ging’s noch schneller. Ross aus New York schreibt mir nach knapp zwei Minuten:

There are several kinds of twitter people. One group uses it for business… and then there are the people who have verbal diarrhoea who think everyone wants to read what they have to write. It’s those people that typically say things like “Good morning twitter.”

Zwei Minuten erreicht mich eine Mail von Martin aus Manchester:

That’s the way they choose to use Twitter. Not the way I’d do it but you don’t have to follow them if they annoy you by doing it Icon Smile in

Beneidenswert, was Lee ebenfalls aus New York, eine Minute später dazu weiß:

I’ve never seen anyone do that

Zwei weitere Minuten später Brian aus Dedham:

There is a community of Twitter users. For some, it is as important as their real life communities. For them, it is like walking into the office and saying good morning to everyone.

Und schließlich noch Anne aus München:

Tja, dann wissen die “Follower”, dass derjenige jetzt auch da ist und man kann ihn direkt mit privaten Nachrichten und ähnlichem bombardieren… So seh ich das. Ich mach es selber aber nicht und halte es auch für relativ überflüssig.

Nach acht Minuten habe ich also Gewissheit:

a) Crowdsouring funktioniert! Das Erdferkel (engl. aardvark) hat ganz Arbeit geleistet.

b) Die Guten-Morgen-Tweets sind wohl tatsächlich weitgehend sinnfrei. Wenigstens wussten die Aardvark-Experten auch nicht mehr als ich. Beruhigend.

Wer es selber mal ausprobieren will: www.vark.com. Registrieren und fragen. Oder antworten. Beides macht Spaß und ist hilfreich.

Nachtrag: Gerade habe ich diesen Beitrag fertig gestellt, da treffe ich auf http://twick.it, eine Art Kombination aus Wiki und Twitter. Das nächste Crowdsourcing-Tool …

(Bild: www.zoo.saarbruecken.de)